Virtuelle Spieltische für Rollenspiele ersetzen Battlemat, Marker und Würfelbecher, wenn die Gruppe über halbe Länder verstreut sitzt. Gedacht ist diese Übersicht für Spielleiter, die eine Kampagne online oder hybrid am Laufen halten, und für Mitspieler, die nach einem Klick auf einen Link losspielen wollen, ohne vorher Software zu studieren.
Verglichen wurde, was am Spielabend und in der Haushaltskasse zählt: Preismodell vom Gratiszugang über den Einmalkauf bis zum Abo, unterstützte Regelsysteme samt deutschsprachiger Kandidaten wie DSA5, Tiefe der Regelautomatisierung, dynamisches Licht und Sichtlinien, Aufwand für Vorbereitung und Hosting, Einstiegshürden für die Mitspieler, Erweiterbarkeit durch Module sowie Stabilität bei großen Karten.
Die Reihenfolge bestimmt niemand aus der Redaktion, sondern die Stimmen der Community; Plätze sind nicht käuflich. In den Karten stehen Plus- und Minuspunkte nebeneinander, dazu die Erfahrungsberichte der Leser. Lohnenswert ist der Blick auf die Minuspunkte: Ob ein virtueller Spieltisch für Rollenspiele zur Runde passt, entscheidet meistens die Kleinigkeit, die im Werbetext fehlt.
Roll20 läuft seit 2012 im Browser und ist für viele Gruppen der erste Kontakt mit dem Online-Rollenspiel. Installiert wird nichts, der Spielleiter schickt einen Link, die Runde sitzt am Tisch. Der Marktplatz ist der größte im Feld: offizielle Abenteuer für D&D und Pathfinder, dazu deutsche Module wie die DSA5-Premiuminhalte von Ulisses. Charakterbögen gibt es für hunderte Systeme, meist von der Community gepflegt. 2024 kaufte das Unternehmen zusätzlich Demiplane.
Die Basisstufe kostet nichts, reicht aber nur für einfache Karten. Dynamisches Licht, mehr Speicher und Skripte gehören zu den Plus- und Pro-Abos, deren Preise 2026 angehoben wurden. Bei taktischen Kämpfen auf großen Karten stößt man gelegentlich auf Ruckler; wer vor allem erzählt und würfelt, merkt davon wenig. Praktisch ist die Spielsuche: freie Plätze in offenen Runden findet man hier schneller als anderswo.
Foundry verkauft keine Abos: Eine Lizenz kostet einmalig 50 US-Dollar, Mitspieler zahlen nichts und verbinden sich über den Browser. Die Software läuft auf Windows, Mac und Linux, entweder auf dem eigenen Rechner oder bei einem Hoster, der ab wenigen Euro im Monat einen Server bereitstellt. Herzstück ist das Modulsystem mit über 2.000 Erweiterungen, von animierten Zaubereffekten bis zur Musikautomatik. Für DSA5 existiert ein eigenes System samt Premiummodulen von Ulisses, Paizo und Wizards of the Coast liefern offizielle Inhalte.
Über mehrere Jahre gerechnet ist das die günstigste Variante, die Arbeit steckt woanders: Portfreigabe, Updates, Modulkonflikte nach jedem Versionssprung. Spielleiter, die gern schrauben, bekommen Automatisierung bis ins Detail. Wer am Spielabend nur eine Karte zeigen möchte, ist mit einem schlanken Werkzeug schneller am Ziel. Website und viele Module sind englisch, die deutschsprachige Community hilft dafür geduldig weiter.
Fantasy Grounds gehört seit 2004 zum Inventar der Szene und wird von SmiteWorks entwickelt. Im November 2025 fiel die Lizenzgebühr: Die Software, zuvor 50 Dollar für die Ultimate-Version oder ein Monatsabo, ist seither kostenlos, bezahlt werden nur noch Lizenzinhalte. Die Stärke liegt in der Regelautomatisierung, denn Angriffe, Boni, Zustände und Zauber rechnet das Programm für D&D, Pathfinder, Savage Worlds oder Call of Cthulhu selbst nach. Parallel startete der Online Reader, mit dem die gekaufte Bibliothek im Browser lesbar ist.
Gehostet wird über den Rechner des Spielleiters, die Anwendung wird also installiert. Wer viele Regeln jonglieren muss, spart am Spielabend spürbar Zeit. Der Preis dafür ist eine Oberfläche, die eher an ein Verwaltungsprogramm erinnert, und eine Einarbeitung, die man nicht zwischen zwei Terminen erledigt. Deutschsprachige Systeme sind schwächer vertreten als bei der Konkurrenz.
Owlbear Rodeo entstand 2020 in Melbourne als Notlösung zweier Entwickler für die eigene Runde und blieb bewusst schlank. Karte hochladen, Marken darauf ziehen, Link verschicken: Mitspieler brauchen kein Konto. Mit Version 2.0 kamen dauerhafte Räume, Nebel des Krieges und ein Erweiterungssystem, über das Würfelwerkzeuge, Initiativlisten oder Zeichenhilfen nachgerüstet werden. Die kostenlose Stufe bringt alle Funktionen und begrenzt lediglich den Cloud-Speicher, die Abostufen liegen im niedrigen einstelligen Dollarbereich pro Monat.
Für Gruppen, die Kämpfe nur grob abbilden und Regeln im Kopf behalten, ist das der kürzeste Weg vom Termin zum Spiel; auf Tablet und Handy funktioniert es besser als die schweren Plattformen. Charakterbögen, Regelautomatik und Lizenzabenteuer fehlen dagegen völlig. Wer Werte, Zauber und Zustände digital verwalten will, braucht ein zweites Werkzeug daneben.
Let's Role kommt aus Paris, wurde 2021 per Kickstarter mit rund 130.000 Euro finanziert und verließ die Beta 2022. Der Tisch läuft im Browser, das Spielen selbst kostet nichts; Geld verdient das Studio mit Kosmetik, Assetpaketen, Regelwerken im Shop und einem Abo. Bemerkenswert ist der Systembaukasten: Charakterbögen werden zusammengeklickt und mit JavaScript verdrahtet, was der Community hunderte fertige Systeme eingebracht hat. Eine Handy-App verwaltet Bögen und Würfe.
Wer ein Nischensystem spielt, das nirgends offiziell unterstützt wird, findet hier den bequemsten Weg, es selbst nachzubauen. Kleine Details verraten Rollenspielerfahrung, etwa der Chatbefehl für eine anonyme X-Card. Gegen die großen Plattformen fehlen deutschsprachige Inhalte und die Fülle offizieller Module, Oberfläche und Community sind vor allem englisch und französisch geprägt.
TaleSpire baut den Spieltisch in 3D: Der Spielleiter setzt Räume, Türme und Wälder aus Bauteilen zusammen, die Gruppe läuft mit Miniaturen durch die Kulisse. Entwickelt wird das Programm von Bouncyrock im norwegischen Tønsberg, seit April 2021 im Early Access auf Steam für rund 25 Dollar; etwa 90 Prozent der über 3.000 Rezensionen sind positiv. Mitspieler können statt der Vollversion die Guest Edition nutzen, wenn im Tisch ein Platz gekauft wurde. Über Symbiotes lassen sich eigene Erweiterungen einbinden.
Der Reiz ist die Optik, und die kostet: Grafikkarte, Einarbeitung ins Bauen, Zeit für Kulissen. Regelautomatik gibt es praktisch nicht, Charakterwerte bleiben rudimentär, Systeme jenseits von D&D führt die Gruppe selbst mit. Für Runden, die Kämpfe lieber anschauen als sich vorstellen, ist es trotzdem das eindrucksvollste Werkzeug im Feld.
Alchemy dreht die üblichen Prioritäten: Statt Raster und Marken steht die Szene im Mittelpunkt, mit animierten Hintergründen, Partikeleffekten, Umgebungsgeräuschen und Musik. Ein taktischer Modus mit Karte und Raster ist einen Klick entfernt, aber eben nicht der Ausgangspunkt. Sprach- und Videochat sind eingebaut, dazu ein Modus für Streams. Kostenlos sind drei Spielrunden, drei Charaktere und ein eigenes Universum; für unbegrenzte Nutzung kostet das Abo acht Dollar im Monat oder 88 im Jahr.
Der Marktplatz führt Module bekannter Verlage, von Kobold Press über Free League bis Modiphius. Die Anwendung läuft im Browser sowie als Programm für Windows, Mac und Linux, auf Mobilgeräten ist sie nicht ausgelegt und verlangt mindestens 1366x768 Bildpunkte. Runden, die Zentimeter zählen und Flächenzauber ausmessen, sind bei kartenzentrierten Plattformen besser bedient.
Quest Portal kümmert sich um zwei Dinge, die andere vernachlässigen: Mobilgeräte und einen KI-Assistenten. Die Apps für iOS und Android taugen wirklich zum Mitspielen, Würfeln und Notizenführen, während der Tisch am Rechner läuft. Kostenlos sind unbegrenzt Kampagnen, Szenen, Karten und Handouts sowie Bögen für D&D, Call of Cthulhu und RuneQuest, dazu ein Baukasten für eigene Bögen ohne Programmierkenntnisse. Assistent, Avatarbilder und die Regelsuche in hochgeladenen PDFs gehören zum Pro-Tarif.
Für Gruppen, in denen jemand nur mit dem Handy dabei ist, löst das ein echtes Problem. Wer KI-Inhalte ablehnt, wird mit der Ausrichtung nicht glücklich, denn ein guter Teil der bezahlten Funktionen hängt daran. Dynamisches Licht und feine taktische Werkzeuge bleiben schwächer als bei den großen Plattformen, und das Preisgefüge samt Guthaben und Lebenszeit-Zugängen wurde mehrfach umgebaut.
MapTool von RPTools ist der Veteran unter den freien Lösungen: Open Source, in Java geschrieben, seit über fünfzehn Jahren im Einsatz und ohne einen Cent Gebühren. Der Spielleiter startet den Server auf dem eigenen Rechner, die Gruppe verbindet sich direkt, eine Wolke gibt es nicht, die Kampagnendateien liegen auf der eigenen Festplatte. Sichtlinien, Lichtquellen und verdeckte Bereiche sind lange an Bord, dazu die Makrosprache mtScript, mit der die Community komplette Regelgerüste gebaut hat.
Genau da liegt die Grenze: Ohne fremdes Framework oder eigene Makros bleibt viel Handarbeit, die Oberfläche stammt gestalterisch aus einer anderen Zeit, und für Mitspieler außerhalb des Heimnetzes braucht es Portfreigaben. Die angekündigte Version 2.0 soll Bedienung und Skripting erneuern. Für sparsame Gruppen mit einem technikfesten Spielleiter bleibt es ein solides Arbeitspferd.
Realm VTT ist das jüngste Projekt dieser Auswahl, stammt im Kern von einem einzelnen Entwickler und finanziert sich über Patreon, ohne Werbung. Ungewöhnlich ist die Aufteilung: Dynamisches Licht, Nebel des Krieges, 3D-Würfel, animierte Karten und der Regelwerkeditor stecken in der kostenlosen Stufe, ohne Begrenzung der Spielerzahl. Für D&D 5e in der Fassung von 2024 liegen die SRD-Inhalte im Konto, dazu kommen Regelwerke für Pathfinder 2e, Call of Cthulhu 7, Cyberpunk RED und Shadowdark.
Karten aus Dungeondraft lassen sich als UVTT-Datei samt Wänden und Lichtern importieren, eine Börse für offene Runden ist eingebaut. Die Kehrseite eines kleinen Teams: keine offiziellen Lizenzabenteuer, eine überschaubare Inhaltsbibliothek, Monster und Gegenstände trägt man teilweise selbst ein. Wer die Werkzeuge der Bezahlstufen anderer Anbieter sucht, ohne monatlich zu zahlen, sollte hier hineinschauen.